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Ein Jahr nach dem Sommer der Migration

w2wtal-Frühstück; ein Jahr nach dem Sommer der Migration

w2wtal-Breakfast; one year after the summer of migration
(English below)

Vor einem Jahr überwand der “Marsch der Hoffnung”, der am Budapester Bahnhof gestartet war, die Grenzen in Europa – der «Sommer der Migration» begann. Es war ein wildes Jahr mit Euphorie und Depression – wir freuen uns, dass wir es mit einigen von euch verbringen konnten. Jetzt – ein Jahr später – laden wir euch zum Ende des eines Sommers 2016, in dem der “Sommer der Migration” 2015 fast schon vergessen scheint, zu unserem gemeinsamen monatlichen Frühstück ins Café ADA ein. Es findet am Sonntag, 21. August, ab 11:00 Uhr statt.

Nicht alle haben in letzter Zeit Pause gemacht, deshalb gibt es einiges zu besprechen und zu erzählen: Vom No Border-Camp in Thessaloniki, vom frustrierenden Abschluss unserer Initiative, in Griechenland festsitzende Menschen nach Wuppertal zu holen, und auch von neuen Gesetzen und neuen Problemen für Geflüchtete in Deutschland, von Massenregistrierungen und weitergehenden Abschiebungen.

Bis Sonntag – bringt einige Essensspenden mit und lasst uns zusammen vom langen kurzen letzten Jahr erzählen.

***

One year ago the “March of Hope” which had started at Budapest’s train station overcame the European borders – the “Summer of migration” started. It was a wild year with euphoria and with depression – we are pleased that we were able to spend it with some of you. Now – one year later – we invite you at the end of summer 2016, when the “summer of migration” 2015 almost seems to be forgotten, to our joint monthly breakfast in Café ADA. It takes place on Sunday, August 21 from 11 am.

Not everybody had a break during the last weeks, so there is a lot to discuss and to tell: About the No Border Camp in Thessaloniki, about the frustrating end of our initiative to bring people who are stucked in Greece to Wuppertal, and also about new laws and new problems for refugees in Germany, about mass registrations and ongoing deportations.

See you on Sunday – bring some food and let us talk together about this long short last year…

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Das No Border Camp in Thessaloniki

Die w2wtal-Aktivistin Judith war im No Border Camp in Thessaloniki. Das Camp, für das die Uni in Thessaloniki besetzt wurde, war als transnationaler Aufbruch gegen die “Festung Europa” gedacht und sollte AktivistInnen aus vielen Ländern und Geflüchtete zusammenbringen. Wir haben Judith nach ihrer Rückkehr zu ihrer Einschätzung der zehn Tage befragt.

Das Interview führte Loba.

Judith, du bist im No Border Camp in Thessaloniki gewesen, wie war es?

Über die zehn Tage verteilt waren viele Leute da, um die 1.500. Das ist ja immer ein Kommen und Gehen. Anfangs dachte ich, dass es ein eher deutsches Camp wird, doch dann kamen immer mehr Leute aus verschiedenen Ländern des Balkan und am Montag kam die große Karawane aus Spanien mit mehreren hundert Leuten, die mit Bussen angereist sind. Die hatten unterwegs noch einige Aktionen gemacht und kamen dann am vierten Camp-Tag in Thessaloniki an. Dann wurde es tatsächlich ein richtig internationales Camp.

Wo war das Camp untergebracht?

Auf dem Campus der Uni in Thessaloniki, eigentlich mitten in der Stadt.

Gab’s Trouble mit den Cops?

Erstaunlich wenig. Es ist tatsächlich so, dass die den Campus nicht betreten. Deren Arbeit machen eher die dort anwesenden Drogendealer, die oft als Spitzel für die Cops arbeiten, wie uns die griechischen Genossinnen erzählt haben. Die haben auch oft versucht, ins Camp zu kommen und auch an Workshops teilzunehmen. Das wurde aber nicht zugelassen.

Waren auch Refugees im Camp?

Nachher waren es ziemlich viele. Darum wurde sich sehr bemüht, es wurde z.B. ein Shuttle mit PKWs eingerichtet, damit die Geflüchteten aus den elf Lagern, die um Thessaloniki herum existieren, ins Camp kommen konnten. So waren nach zwei, drei Tagen viele Menschen aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan dabei. Die haben dann vom Leben in den Lagern berichtet, Wandzeitungen erstellt und es gab auch mehrere Veranstaltungen zu Migrantinnen-Selbstorganisation.

Gab es von den Refugees Einschätzungen zur Gesamtlage, nachdem die Grenzen in Europa geschlossen wurden?

Die, mit denen ich redete, haben alle gesagt, wir müssen uns jetzt selbst organisieren. Interessant war auch die Perspektive der griechischen Genossen, bzw. der Refugees, die schon länger in Griechenland leben. Die sehen natürlich, das sich die Geflüchteten vor allem jetzt eine Basis, z.B. ökonomisch, aufbauen müssen oder unbedingt Wohnraum brauchen.

Vom griechischen Staat gibt es da nichts? Wohnungen z.B.?

Nee, die Unterbringung erfogt rein privat, u.a. in Squats, in die Geflüchtete einziehen. Auch während des Camps wurde in Thessaloniki ein Haus besetzt*. Es sind ziemlich viele Häuser besetzt – in Athen z.B. das City Plaza Hotel, das «beste Hotel der Welt», wo mehrere hundert Leute leben. Von denen gab es auch nen Workshop während des No Border Camps.

Von der Hausbesetzung und auch von der Besetzung der Fernsehstation zu Beginn haben wir auch hier etwas mitbekommen, was ist an Aktionen rund ums Camp noch so gelaufen?

Es gab ein «Go-In» in der IOM (eine internationale Migrations Organisation), da sind u.a. ein paar Computer und Akten aus dem Fenster geflogen. Genaues kann ich dazu nicht sagen, ich weiß nur, dass die IOM reichlich verhasst ist, weil die an Abschiebungen bzw. an «freiwilligen Rückführungen» beteiligt ist.

Ansonsten gab es Demos und Besuche von Camps – zu einem Besuch eines Camps in Oreokastro hast du ja auch einen Bericht verfasst…

Da gab es mehrere. Da wurden Busse gechartert, da sind dann Leute aus dem Camp hingefahren, einmal um die Situation zu erfahren, aber auch um z.B. die Campzeitung, die auf griechisch, englisch und arabisch erschienen ist, zu den Geflüchteten in die Camps zu bringen. Die sollten ja auch auf das Camp aufmerksam gemacht und zur Beteiligung eingeladen werden. Das haben dann auch einige wirklich wahrgenommen und sich beteiligt. Deswegen waren so ab Montag eben auch recht viele Refugees im Camp: Familien, Frauen und vor allem viele Kinder. Sehr viele Kinder.

Die Demos haben in Thessaloniki stattgefunden?

Ja. Es gab allerdings auch mehrere Demos an den beiden Abschiebeknästen und dann gab es natürlich die größere Aktion an der türkisch-griechischen Grenze am Samstag, wo es auch zu kleineren Riots gekommen ist. Da war ich allerdings selber nicht dabei, deswegen kann ich dazu nicht viel erzählen.

Wie fällt insgesamt deine Einschätzung zum Camp aus? Was war für dich in den zehn Tagen das Positivste?

Für mich war das Wertvollste sicher, die Aktivistinnen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen, und Kontakte zu Ansprechpersonen herzustellen. In einem Workshop ging es zum Beispiel um Dublin und für mich war es wichtig, Leute kennenzulernen aus Ländern in die Menschen aus Deutschland hin abgeschoben werden, z.B. aus Bulgarien. Von denen konnte ich mal wirklich erfahren, wie die Situation der Abgeschobenen tatsächlich ist. In Bulgarien werden die abgeschobenen Menschen z.B. erstmal direkt inhaftiert.

Auf welcher Basis werden die dort inhaftiert?

Das entspricht eigentlich nicht den EU-Aufnahmerichtlinien, aber das passiert einfach. Deswegen sind diese Erste-Hand-Infos aus diesen Ländern z.B. für hier tätige Rechtsanwälte auch so wertvoll, weil die sich in den Verfahren normalerweise nur auf oft geschönte offizielle Angaben stützen können. Deswegen gab es zuletzt eine Delegation von Rechtsanwältinnen nach Tschechien. Das kann natürlich nicht kontinuierlich geschehen. Wenn es nun Kontakte zu vor Ort existierenden Strukturen gibt, ist das hilfreich.

Konntest du mit Menschen aus Polen oder Ungarn reden? Wie lebt es sich für Aktivistinnen in den Visegrad-Staaten? Haben die was erzählt?

Die Genossinnen aus Bulgarien sind z.B. in einer echt beschissenen Lage, das sind insgesamt nur sehr wenige – deutlich weniger als z.B. in einer deutschen Großstadt. Und die Freunde aus Sofia sagen, dass es ungeheuer wichtig wäre, mehr Kontakte zu den Grenzen zu haben, wo Geflüchtete regelmäßig von Milizen gejagt und zusammengeschlagen werden. Und zumindest in Sofia würde z.B. ein Soziales Zentrum als Anlaufpunkt dringend benötigt. Im Augenblick sind sie aber zu wenige, um soetwas durchzusetzen. Am liebsten hätten sie deshalb auch Support aus anderen Ländern, von Menschen, die sich vorstellen können, mal nach Sofia zu gehen und dort gemeinsam etwas aufzubauen.

Anfang des Jahres habe ich ja die Diskussionen innerhalb der radikalen Linken verfolgt, als es darum ging, ein solches Camp aufzuziehen. Damals haben viele ein solches internationales Treffen ja noch als wichtigen Punkt in der gesamten Auseinandersetzung um eine «Festung Europa» angesehen. Seitdem haben sich die Dinge ja ungeheuer beschleunigt und verändert – ist für dich von dem Camp irgendeine Form von «Aufbruch» gegen die Etablierung des Grenzregimes ausgegangen? War es der Anfang einer «Gegenoffensive» gegen den Rollback?

Ich wünschte, ich könnte das sagen. Aber in Griechenland wurde z.B. durch das Ende der realen Bewegung – also der Migration – auch die Dynamik gestoppt. Da ist zur Zeit auch nicht wirklich dran zu rütteln. Es kommen zwar immer mal wieder Leute durch – aber nur mit viel Geld z.B. Vielleicht wäre Italien dafür der geeignetere Ort gewesen… Über Leute vom Alarmphone habe ich mitbekommen, dass an einem Tag alleine 1.800 Leute in Italien angekommen sind. Dort wird derzeit auch eher die Dynamik der Migrationsbewegung sein. In Griechenland ist das alles etwas zum Erliegen gekommen und konzentriert sich derzeit auf den rechtlichen Weg der Familienzusammenführung z.B.

Hast du also im Camp eine ähnliche Frustration wiedergefunden, wie sie derzeit viele Menschen aus politisch arbeitenden Initiativen hier haben?

Die totale Stagnation drückt natürlich auf die Stimmung. Es gibt nicht wirklich das Gefühl, auf der politischen Ebene etwas bewegen zu können. Viele konzentrieren sich momentan eher auf die rechtlichen Ebenen: Etwa Dublin-Verfahren, Familienzusammenführung usw. Viele, etwa in Griechenland, befinden sich ja auch selber in teilweise existenziellen Krisen. Denen gehen inzwischen die Resourcen aus – die Spendenaufrufe für Spielzeug für Kinder in den Camps sind absolut ernstgemeint.

Die zehn Tage waren außerhalb des Camps ja auch ereignisreiche Tage. Da war Nizza, oder der versuchte Putsch in der Türkei. Habt ihr im Camp davon etwas mitbekommen? Hatte das einen Impact für die Thematik des Camps?

Die Anschläge eher nicht, aber der Putschversuch in der Türkei ganz massiv. Die Beendigung des EU-Türkei-Deals war ja ohnehin ein zentrales Anliegen des Camps. Aber auch die Forderung nach sicheren Korridoren wurde mit den Ereignissen in der Türkei noch dringlicher. Es gab eine größere Gruppe von Genossinnen aus der Türkei im Camp, und von denen haben sich noch in der Zeit des Camps viele überlegt, ob sie überhaupt noch in die Türkei zurückkehren sollen. Die haben dann auch einen Protstmarsch zur türkischen Botschaft in Thessaloniki organisiert.

Haben die etwas geäußert, was wir hier in der aktuellen Lage tun könnten?

Manche haben vielleicht noch die Illusion, wir hätten viel Einfluss auf unsere Politikerinnen. Die wünschen sich, dass wir Druck auf die europäischen Regierungen machen, Erdogan zu kritisieren und den EU-Türkei-Deal zu kippen. Es geht darum, deutlich zu machen, dass die Türkei weder ein sicheres Dritt- noch ein sicheres Herkunftsland ist. Es werden jetzt mit Sicherheit wieder viele türkische Flüchtende kommen. Einige befinden sich ja bereits in Europa.

Unterm Strich bist du mit deiner Entscheidung, nach Thessaloniki zu fahren, aber insgesamt zufrieden?

Ja, vor allem wegen der Kontakte und weil mich das transnationale Netzwerk von Aktivistinnen schon auch sehr beeindruckt hat.

Würdest du dir wünschen, dass eine Gruppe wie welcome2wuppertal in Zukunft wieder etwas über den Talkessel hinausschaut und sich transnational noch besser vernetzt?

Da würde ich mich total drüber freuen, insbesondere, wenn sich Menschen beteiligen würden, die die erforderlichen Sprachkenntnisse haben. Es gibt so tolle Projekte überall – z.B. das Alarmphone, wo jeden Tag Menschenleben gerettet werden. Da braucht es dringend Übersetzungen von Berichten oder sogar am Telefon der Seenotrettung selber. Auf dem Balkan soll jetzt eine ähnliche Struktur ausgebaut werden, weil auch entlang der Route immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorkommen. Da soll es in Zukunft auch eine Vernetzung geben, für die noch dringend Support gesucht wird. Dafür braucht es noch Leute die spezielle Kenntnisse haben und die Sprachen können. Wenn sich da Leute einbringen wollen, können die sich über die Kontakte, die z.B. bei Welcome to Europe (w2eu.info) gelistet sind, einfach melden.

Danke.

* Am Tag nach dem Interview (27.7.) wurde bekannt, dass die griechische Polizei drei teilweise bereits seit mehreren Monaten bestehende Squats geräumt hat. Die dort lebenden Refugees wurden in ohnehin bereits überfüllten Isolierungslager gebracht. Betroffen ist auch das im Interview erwähnte, während des Camps besetzte Hausprojekt. Dass die nominell linke Syriza-Regierung unmittelbar im Nachgang des in der griechischen Presse heftig skandalisierten No Border Camps zu Repressionen und Räumungen greift, verdeutlicht die verzweifelte Lage der geflüchteten Menschen in Griechenland.

thessa

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Besuch im Refugee-Camp Oreokastro

Während des No Border Camps in Thessaloniki wurden verschiedene Lager besucht, in denen die griechische Regierung Geflüchtete untergebracht hat, auch Menschen, die zuvor im Grenzcamp Idomeni gelebt haben. Den Besuch des Lagers Oreokastro am 19.Juli hat Judith mitgemacht. Ein Besuchsbericht.

Dicht an dicht stehen die Zelte in der gigantischen Fabrikhalle. Lindgrün sind sie und in ordentlichen Reihen aneinandergereiht; auf den Gängen dazwischen spielen die Kinder, einige Männer haben kleine, improvisierte Kioskstände aufgebaut, wo sie Tee, Zigaretten und kleine Snacks anbieten. Die informelle Ökonomie hat sich inzwischen etabliert, ebenso die zahlreichen NGOs, die mittlerweile von überall her ihre MitarbeiterInnen eingeflogen haben: Das Essen wird in Plastiktüten ausgegeben, auf denen “Caritas Greece” steht. Die Gesundheitsstation wird von Medicins de Mondes betrieben. Und auf dem ganzen Gelände laufen meistens junge Frauen mit farbigen Westen herum, auf denen “Norwegian Refugee” steht oder “Acts of Mercy”.

Ich frage einen der Sozialarbeiter, ob er einen Überblick hat, wie viele Leute derzeit hier leben – er winkt ab, das wisse wahrscheinlich niemand ganz genau. Von der Anzahl der Zelte ausgehend, von denen etwa 70 weitere außerhalb der Halle in der prallen Sonne stehen, müssen es sicher an die 1.500 Menschen sein, die hier seit der Räumung von Idomeni und anderen “wilden” Camps zusammengepfercht sind. Das Lager liegt etwa zehn Kilometer nördlich von Thessaloniki; um hierherzukommen, mussten wir mit dem Bus gut 20 Minuten aus der Stadt raus und dann durch eine Mischung aus Gewerbegebiet und landwirtschaftlicher Gegend fahren.

Auch das Camp selbst ist auf dem Gelände einer alten Fabrik errichtet worden, die im Zuge der Wirtschaftskrise schließen musste. Betrieben wird das Camp vom griechischen Militär, das den Zugang und das Stahltor am Eingang bewacht, uns aber problemlos passieren lässt. Wie uns ein Campbewohner erzählt, übernimmt das Militär hier aber auch den Security-Dienst; das heißt, Uniformierte betreten auch die Halle selbst, wenn es bspw. einen Konflikt unter den Bewohnern gibt.

Solange wir zu Besuch sind, halten sich die Uniformierten jedoch am Rand. In der Halle selbst sind nur die bunten Westen der NGOlerInnen zu sehen, fast jede von ihnen hat mindestens ein, oft auch vier Kinder an sich hängen. Überhaupt, es sind unglaublich viele Kinder in dem Lager; das jüngste ist wohl erst vor wenigen Tagen zur Welt gekommen. Als die Delegation die Musikanlage aufbaut, kommt eine ganze Horde von Mädchen angerannt, begeistert über die Abwechslung. Alles, was als Spielzeug dienen kann – die mitgebrachten No Border Camp-Zeitungen, Buntstifte, Bälle, sogar der Hund einer spanischen Genossin – wird euphorisch in Beschlag genommen.

Ich geselle mich zu einer Gruppe Frauen mittleren Alters. Wir können uns, mangels Arabisch- respektive Englischkenntnissen, so gut wie nicht verständigen; trotzdem unterhalten wir uns eine ganze Weile mit Händen und Füßen. Ich erfahre, dass alle drei aus Syrien sind; eine kommt aus Homs, eine aus Hama, die älteste von ihnen ist aus Aleppo. Auf der rudimentären Verständigungsebene von Gesten und Mimik, berichten alle drei von den Bombenangriffen, und dass ihre Häuser zerstört sind. Amina aus Aleppo hat dabei ihre zwei Kinder und ihren Mann verloren. Ich frage sie, ob sie alleine hier im Lager ist, und sie bejaht die Frage. Sie hat niemanden mehr, ihre Familie wurde vom Krieg komplett ausgelöscht.

Ich drücke mein Beileid aus und würde sie gerne fragen, was für Pläne sie hat, ob sie in Griechenland bleiben oder die Weiterreise versuchen möchte. Dann gebe ich es auf, weil die Frage ohne gemeinsame Sprache wohl zu kompliziert ist, aber auch weil ich denke, dass es vielleicht Lebenssituationen gibt, in denen es nicht so sehr um Pläne geht, sondern um das schlichte physische und psychische Überleben. Doch bei aller Traurigkeit und Tragik müssen wir alle vier plötzlich lachen, als einige vorwitzige Kinder den spanischen Hund necken, dann aber Angst vor der eigenen Courage bekommen und kreischend davon laufen.

Ich hatte damit gerechnet, dass wir mit Fragen und Untersützungsbitten überschüttet werden würden, aber dem ist nicht so. Wahrscheinlich sind viele überdrüssig, wieder und wieder Leuten ihre Geschichte zu erzählen, die mit den besten Absichten vorbeikommen, aber ihnen letztlich sowieso nicht helfen können. Tatsächlich wollten die meisten, mit denen ich darüber spreche, eigentlich nach Deutschland weiter. Einige von ihnen haben auch Familie dort und damit in der Theorie sogar das Recht, dass ihr Asylverfahren in Deutschland durchgeführt wird. Aber alle wissen inzwischen auch, wie langsam und unendlich mühselig das Verfahren ist, und dass auch solidarische Menschen aus ganz Europa augenblicklich daran nur wenig ändern können.

Ich spreche einen jungen, griechischen UNHCR Mitarbeiter, erkennbar an seiner blauen Mütze, an. Ich will in Erfahrung bringen, wie denn der Zugang zum griechischen Asylsystem inzwischen funktioniert, und welche Chancen zum Familiennachzug tatsächlich bestehen. Der arme Mann ist reichlich beschäftigt, weil immer wieder Leute mit ihren Papieren und Fragen auf ihn zukommen, und das Gespräch wird mehrfach unterbrochen. Dennoch erfahre ich, dass die griechische Regierung im Augenblick zwar absolute Priorität auf die Vorregistrierung legt, bislang aber immer noch das Skype-Verfahren der einzige Weg ist, um einen Termin zur Antragstellung bei der griechischen Asylbehörde EASO zu bekommen. Das würde zwar allmählich besser funktionieren, sei aber immer noch alles andere als befriedigend.

Er selbst ist im Lager die Ansprechperson für die rechtlichen Fragen, einschließlich solchen zum Familiennachzug in andere europäische Länder. “Aber es fühlt sich manchmal an, wie wenn man jemanden ein Rezept für ein tolles Gericht gibt, aber es gibt weder Mehl noch Eier noch Gemüse noch sonst irgendetwas, um es zuzubereiten.” Ein Gefühl, das ich sehr gut kenne.

Unterm Strich scheint Oreokastro ein Lager zu sein, dass das physische Überleben, die Grundversorgung gewährleistet, aber keinerlei Zukunft. Es ist, im klassischen Sinne, ein Isolationslager – trotz der Bushaltestelle direkt neben dem Campeingang sind die Leute dort abgeschnitten von ihrer Umgebung, auf sich selbst, auf die Lager-Infrastruktur und die NGO-Leute zurückgeworfen. Außerdem gibt es keine Beschäftigungsmöglichkeiten, keine Chance, die Sprache zu lernen, keine Chance, selbst tätig zu sein, wirklich anzukommen, irgendwie wieder anzuknüpfen an ein Leben, das der Krieg zuvor abrupt abgerissen hat. Es ist ein Lager, das vom Militär bewacht wird und in dem Privatheit genauso wenig Raum hat wie persönlicher Schutz, was vor allem für die vielen Frauen und Mädchen hier die Hölle sein muss. Es ist ein klassisches Isolationslager, weil es Menschen als Schicksalsgemeinschaft zusammensteckt und absolut auf sich selbst zurück wirft. Ein auf Dauer gestellter Transit. Und niemand sagt einem, wie lange dieser Zustand anhalten wird.

Als wir uns nach etwa zwei Stunden verabschieden, stellt sich heraus, dass auch die Bushaltestelle wegen eines Busstreiks zumindest heute nur von wenig Nutzen ist. Dort sitzt aber, wartend und etwas verzweifelt, eine Familie, die dringend zum Bahnhof nach Thessaloniki muss: Sie haben nämlich endlich ihren Anhörungstermin bekommen; nun aber sitzen sie wegen des Streiks hier fest.
Weil unser gecharteter Reisebus schon auf der Hinfahrt ziemlich voll gewesen ist, bin ich zunächst etwas skeptisch, wie unser Fahrer reagiert, wenn wir nun noch eine zehnköpfige Familie mit hineinzwängen. Aber alle schieben sich so gut es geht in den Gängen zusammen, bieten den älteren Herrschaften ihre Sitzplätze an. Und der griechische Busfahrer nimmt es gelassen, – was man von einem griechischen Busfahrer natürlich nicht anders erwarten darf.

Ich begleite die syrische Familie, vier Erwachsene und sechs Kinder, noch bis zum Bahnhof, und sie verabschieden sich ausgesprochen freundlich von mir. Nach der Registrierung bei der Asylbehörde werden sie wieder ins Lager zurück müssen. Und dann geht das Warten für sie weiter, keiner kann sagen wie lang.

oreokastro

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  • all refugees welcome 2 wuppertal!

    Für den Aufbau selbstorganisierter und konkret-solidarischer Strukturen in Wuppertal brauchen wir eure Hilfe. Sagt Geflüchteten Bescheid und ladet sie zu unseren öffentlichen Terminen ein! Wenn ihr Fragen habt, schreibt uns einfach eine E-Mail (nutzt bei sensiblen Inhalten das verschlüsselte Formular), und wenn ihr über w2wtal-Treffen informiert werden möchtet, nutzt einen unserer Kanäle bei Facebook, Twitter oder telegram.

    To build up self-organized structures for real solidarity we need your help. Please tell refugees about us and invite them to our public meetings. If you have any questions, please contact us via E-Mail (use our encrypted formmailer for sensitive content), if you want to get informed about our next meetings, please inform yourself via our channels at Facebook, Twitter or telegram.

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  • w2wtal-Frühstück/w2wtal-Brunch

    An jedem dritten Sonntag eines Monats: Gemeinsames Frühstück ab 11:00 Uhr für und mit Refugees im Café ADA, Wiesenstr.6, Wuppertal-Elberfeld (Busse 645, 635, 628 bis «Schleswiger Str.»)

    Each month's third Sunday: Open brunch at 11 a.m. with refugees for refugees at Café ADA, Wiesenstr. 6, Wuppertal-Elberfeld (Busses 645, 635, 628 to "Schleswiger Str.")

    • Wo finde ich das Café ADA? > Karte
    • Where do I find Café ADA?> Map

  • Deutschkurs/German Course

    Wir helfen Geflüchteten, einen Deutschkurs zu gestalten und zu besuchen. In diesem selbstorganisierten Kurs sollen Refugees lernen, sich in Wuppertal zurecht zu finden, wir arbeiten nicht auf Bescheinigungen hin. Alle sind eingeladen teilzunehmen, wir interessieren uns nicht für Papiere oder den Status eines Menschen. Zur Zeit finden Kurse dienstags am Vormittag (10:00 Uhr) und Donnerstags nachmittags (17:00 Uhr) im ADA statt. (Karte: siehe oben)

    We help refugees to run a German-course and to take part in it. Main goal of our self-organized course is to get orientation for a living in Wuppertal, we do not work for certificates. Everybody is invited to participate, we are not interested in any papers or in the status of someone. At present our courses take place on Tuesday mornings (10 am) and on Thursdays in the afternoon (5 pm) at ADA (map: see above)


  • Self-Empowerment

    welcome 2 wuppertal versucht, die zu uns Geflüchteten bei ihrer Selbstermächtigung zu unterstützen. Als von einer einseitigen Gesetzgebung und einer oft rassistischen Praxis Betroffene, müssen Geflüchtete zu eigenen politischen Akteuren in ihrem neuen Lebensumfeld werden. w2wtal möchte bei ihrer Selbstorganisierung helfen und die Bedingungen für ihr politisches Handeln verbessern.

    welcome 2 wuppertal tries to support a self-empowerment of refugees who came to us. Being affected by a one-sided legislation and an often racist practice, refugees have to become political participants on their own in their new social environment. We want to help them with self-organizing and to improve their conditions for a political participation.


  • Stop deportation!

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